Die Schwester von Simon

/Geschichte eines Hundes/
Wenn jemand sie anblickte, wandte sie schnell den Kopf ab und machte einen Bogen. So weit wie möglich. Auch Leute, die sie kannte, begannen sich von ihr fernzuhalten. Sie näherten sich ihr nur, um ihr etwas zum Essen hinzuwerfen, murmelten ein paar sinnlose Koseworte und beeilten sich dann, sich zu entfernen.
Sie begannen, sie Krastana zu nennen. Vielleicht, weil sie ein Kreuz zu tragen hatte, oder weil die Krankheit an ihrem Körper unter diesem Namen bekannt war; der Hund gewöhnte sich langsam an die grobe Bezeichnung. Sie wedelte sogar erfreut mit dem Schwanz, aber vergebens, alle hielten sich von ihr fern.
Bis zu dem Tag, an dem der Arzt auftauchte. Es war ein riesiger Mann, so jedenfalls sah er in den erschrockenen Augen von Krastana aus. Noch bei seinem Auftauchen senkte der Hund die Ohren und wartete auf seine Verurteilung. Verzweifelt suchte sie den Blick seiner Freundin Anni.
Die Angst schlich sich langsam und hartnäckig in Krastanas Bewusstsein. Genau in dem Moment lächelte der Arzt, näherte sich und …. streichelte sie. Krastana traute ihren Augen nicht.
Dieser Mensch hatte den Mut, sie anzufassen, als Freund? Bei diesem Gedanken krümmte sich der Hund schmerzvoll zusammen, so sehr fehlten ihr die Wärme einer Freundeshand.
Abends beim Einschlafen schloss sie die Augen und wartete darauf, dass die geliebten Erinnerungen zurückkehrten, die Erinnerungen von vor nicht langer Zeit erlebter Momente. Das Gedächtnis ließ die Momente wieder auferstehen, als ihre Mutter bei ihr war, und ihre lebhaften Schwestern, und der gutmütige Simon, der als einziger Mann den Streit in der Familie schlichten konnte. Ihre Mutter hatte ihre Vorherrschaft bereits an Simon abgetreten, als die Welpen erst sechs Monate alt waren. Nur er wuchs kräftig heran und war irgendwie anders als die anderen.
Krastana wollte es nicht wahrhaben, dass ausgerechnet er es nicht schaffen sollte, mit der gefährlichen Krankheit fertig zu werden. Als Simon starb, ging Krastana tagelang nicht auf die Straße hinaus, sie wollte nicht mit ihren Schwestern spielen, aber als sie aufhörte, zu fressen, da warf ihre Mutter sie hinaus, drehte ihr den Rücken zu und wartete: Krastana musste wählen - ein Leben mit dem Schmerz wegen des Verlustes von Simon, oder etwas, das das Ende war, vielleicht der Weg ihres Brüderchens Simon ?
Solche und ähnliche Gedanken halfen ihr, das Gefühl der furchtbaren Leere auszubleichen, das sie befiel, wenn ein Freund für immer geht. Ihre Oma erzählte ihr, dass einige von ihnen, solche wie Simon, von dort zurückkehren, aber als Menschen, noch wunderbarer und besser.
Krastana wollte fragen, wenn die guten Leute vorher so waren wie sie, woher kommen dann die bösen Leute, was waren sie gewesen? Warum waren sie wütend auf die ganze Welt?
Manchmal klagte sich der Hund selbst an: vielleicht war ihre Hässlichkeit der Grund dafür? Dann verkroch sie sich, und die Frage, warum sie einzig aus dem Grunde hier bleiben musste, damit sich die Leute vor ihr erschrecken, brummte in ihrem Kopf, ohne dass sie eine Antwort finden konnte.
Krastana dachte mit Schmerz an den Tag zurück, an dem sie die leblosen Körper ihrer Familie in dieses Auto warfen.
Da waren sie alle auseinander gelaufen, doch das Gift lähmte schnell ihre Bewegungen und nach wenigen Sekunden krampften sie sich hilflos auf dem Boden zusammen. Krastana machte nicht einmal einen Versuch, sich zu verstecken. Das Entsetzen hatte ihre Beine gelähmt und sie konnte sich nicht bewegen.
Die Hypnose durch den Tanz des Todes wurde durch die Leute beendet, die sich einmischten, um die Hunde zu retten. Sie kamen zu spät, auch dieses Mal.
Von irgendwoher kam ein schwarzhaariges Kind, es rannte und wischte sich mit einem zerrissenen Ärmel die Tränen ab, die weiße Streifen auf seinem Gesicht hinterließen. Es sah Krastana und warf sich über sie. `Nehmt sie nicht mit´ schrie das Kind. `Sie ist hässlich, nehmt sie nicht mit, bitte Onkel!´
Ein heiseres Lachen unterbrach die Bitten des kleinen Zigeunerkindes.
Die ungeschlachten Männer winkten ab und verschwanden in ihrem Auto, um ihre sinnlose Jagd woanders auf den Straßen der Stadt fortzuführen.
So kam es, dass Krastana der einzige überlebende Hund am Busbahnhof war.
Das Zigeunerkind verschwand irgendwohin, und mit ihm die guten Tage des krätzekranken Hundes. Das Fell fiel ihr schnell aus. Schnell war ihr abgemagerter Körper mit Geschwüren bedeckt. War es eine Frage der Zeit, bis das Auto wiederkommen würde?
Aber stattdessen erschien dieser Doktor mit seinen großen warmen Händen. Er streichelte den vor Angst starren Hund und ein merkwürdiger Schmerz erwärmte ihr Herz. `Ich werde sie mitnehmen. Ich werde versuchen, ihr zu helfen, sie hätten mich vorher verständigen müssen´ der Arzt richtete sich auf und sein Blick entzifferte die erkalteten Worte auf den Lippen der Frau vom Bahnhof.
Eigentlich hatten sie ihn gerufen, um den Hund einzuschläfern, und nicht, um ihn zu heilen.
Der Arzt schaute sich langsam um: alles war an seinem Platz....... der Himmel, die Sonne, die Bäume...... und von ihm forderten sie ........?!
War er deshalb Arzt geworden?!.........Sieben Jahre hatten ihn seine Professoren ausgebildet.
Er wusste nicht mehr, wann er begonnen hatte, gedankenverloren der Frau in die Augen zu starren. Sie wandte verwirrt den Blick ab.
Der Arzt wandte sich dem Hund zu und nahm ihn vorsichtig hoch. Der gequälte kleine Körper entspannt sich vertrauensvoll in seinen warmen Händen.
- `Na bitte... ganz ruhig, meine Kleine! Alles wird gut.´
- `Ich weiß´ Krastana blickte in das über sie gebeugte schöne Gesicht des Arztes, sah sich um, kraftlos und hässlich und blickte in die schönsten Augen der Welt, und fuhr fort `ich weiß, dass alles gut werden wird. Nicht wahr, deshalb bist du doch hier, Simon!´

Die AFA brauchte viele Monate, um Krastana zu heilen. Sie ist heute wieder ein glücklicher Hund mit Freunden und einer großen Familie. Und mit einem neuen Namen Tončo. Und Simon er kämpft weiterhin gegen die Krankheiten und manchmal schafft er es, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und ein Leben zu schenken, deshalb hatte er sich ja dazu entschieden, Arzt zu werden.